Im Kapitalismus sind wir mit allerlei Missständen und Krisen konfrontiert, die dieser zwangsläufig hervor bringt. Für den Reichtum der Einen, braucht es die Armut der Anderen. Wenn wir mit kritischer Perspektive auf die Soziale Arbeit im Kapitalismus schauen, wird klar, dass sie Bestandteil der Verwaltung von sozialer Ungleichheit, prekären Lebenslagen und Krisen ist. All das sind Produkte des Kapitalismus. Die Soziale Arbeit schreibt sich auf die Fahne gegen Soziale Ungleichheit zu kämpfen, aber stabilisiert gleichzeitig ein System, das auf Soziale Ungleichheit angewiesen ist.
Seit den 90ern und der Einführung des „New Public Management“ wurde wirtschaftliches Denken in der Sozialen Arbeit immer präsenter. Es waren nicht mehr ausschließlich freie Träger und gemeinnützige Vereine, sondern zunehmend private Anbieter, die soziale Leistungen erbrachten. Der Staat erbrachte kaum mehr Leistungen selbst, sondern wurde Auftraggeber und vergab soziale Dienstleistungen in Ausschreibungsverfahren, in denen Kosteneffizenz im Mittelpunkt stand. Soziale Träger waren somit gezwungen wirtschaftliche Logiken in den Vordergrund zu stellen, um die Ausschreibungen zu erhalten. Das Wettbewerbsprinzip ist seit dem auch im Feld der Sozialen Arbeit fester Bestandteil, genauso wie Zielvereinbarungen, Leistungsveträge, Richt- und Leitlinien, Zertifizierungs- und Auditprozesse. Soziale Arbeit wird, insofern sie von staatlichen Geldern abhängt, nach Effizienz, Kennzahlen und Kosten organisiert. Standardisierte Vorgänge & Leistungen, die nichts mit der Lebensrealität der Menschen zu tun haben. Es zählt nicht was notwendig ist, sondern was finanzier- und messbar ist. Aus Sozialarbeiter*innen werden ganz im neoliberalen Slang „Case Manager*innen“, „Care Manager*innen“, „Sozialmanager*innen“oder „Projektmanager*innen“, denn es geht um Management. Management von Menschen, die dem System nicht nützen oder es gar stören und so gemanaget werden sollen, dass sie wieder ins System passen.
Im Kapitalismus werden strukturelle Probleme stark individualisiert. Das führt dazu, dass in der Sozialen Arbeit häufig mit Individuen an struktuellen Problemen gearbeitet wird. Anstatt Armut, Kriminalität, Wohnungslosigkeit oder Erwerbslosigkeit als Folge ökonomischer Ungleichheit und politischer Entscheidungen zu problematisieren, richtet sich der Fokus häufig auf die „Bearbeitung“ einzelner Betroffener. Es geht um „Resozialisierung“ und „Wiedereingliederung“, häufig mit regulierenden, kontrollierenden und sanktionierenden Maßnahmen. „Auffälliges“ und normabweichendes Verhalten soll korrigiert werden, anstatt die Verhältnisse, die dieses Verhalten bedingen. Viele Sozialarbeitende haben den Effizienzgedanken und das kapitalistische Menschenbild selbst verinnerlicht, was sich in individuellen Verantwortungszuschreibungen, Bewertungen und Unterscheidungen in „guten“ bzw. „bemühten“ und „schlechten“ oder „nicht-bemühten“ Klient*innen zeigt. Arbeitsverdichtung, Zeitdruck, Nachweispflichten und Bürokratie tun ihr Übriges und Menschen werden etikettiert, verwaltet und in Systeme einsortiert. Komplexe Lebensrealitäten werden letztlich zu bearbeitbaren Fällen.
Außerdem werden Menschen erst durch die Zuschreibung sozialer Probleme zu Adressat*innen der Sozialen Arbeit. Gleichzeitig verstärkt das Inanspruchnehmen Sozialer Arbeit wiederum genau diese Zuschreibungen. Ein Beispiel dafür sind Jugendliche, denen zugeschrieben wird „schwer erziehbar“ oder „verhaltensauffällig“ zu sein. Leben sie in Einrichtungen der Sozialen Arbeit, wird ihnen das noch stärker zugeschrieben und jedes jugendtypisches Verhalten darauf bezogen.
Dieser Prozess verstärkt Zuschreibungen und beeinflusst das Selbstbild der Betroffenen.
Die Verwaltung sozialer Probleme durch die Soziale Arbeit hat auch weitere Folgen:
Viele Angebote der Sozialen Arbeit wie Tagesstätten, Jugendhäuser, Werkstätten, Wohnheime, Geflüchtetenunterkünfte und weitere Aufenthaltsmöglichkeiten führen dazu, dass soziale Probleme und damit Widersprüche des Kapitalismus im Stadtbild ausgeblendet werden. Die Soziale Arbeit kann strukturelle Probleme wie Armut, Flucht und Wohnungslosigkeit nicht lösen, aber trägt dazu bei, dass sie weniger sichtbar werden. Durch die Individualsierung struktureller Probleme, wird auch gemeinsame Organisierung, Solidarität und Protest unter Betroffenen erschwert.
Soziale Arbeit agiert im Kapitalismus viel eher als Feuerwehr. Sie wird gerufen um Brände zu löschen, die das System selbst legt. Dabei ist sie so sehr mit dem Löschen beschäftigt, dass die Brandursache, der Kapitalismus, keine Rolle mehr spielt. Damit verschiebt sich auch Verantwortung. Weg von Macht-, Herrschaft- und Eigentumsverhältnissen, hin zu den Einzelnen. Wer scheitert, hat nicht genug an sich gearbeitet. Wer leidet, muss resilienter werden. Wer ausgeschlossen ist, soll sich besser integrieren.
Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck des neoliberalen Menschenbildes, in dem der Wert eines Menschen an seine wirtschaftliche Verwertbarkeit gekoppelt ist. Wer nicht arbeitet, ist für das System wertlos, also sollen sozialarbeiterische Angebote die Arbeitsfähigkeit von Menschen wiederherstellen. Anstatt prekäre Beschäftigungsbedingungen oder systemische Ausschlüsse kritisch in den Mittelpunkt zu stellen, werden erwerbslose Menschen durch Maßnahmen, Coachings und Angebote „fit“ für den Arbeitsmarkt gemacht. Sie sollen sich anpassen an ein krankmachendes System. So erfüllt Soziale Arbeit, ob bewusst oder unbewusst eine elementare Funktion des Kapitalismus: Die aktive Proletarisierung, also die dauerhafte Eingliederung von Menschen in Lohnarbeitsverhältnisse, damit diese in der Profitlogik wieder verwertbar werden.
In diesem Sinne kann Soziale Arbeit als Teil eines Systems verstanden werden, das soziale Ungleichheiten nicht aktiv bekämpft, sondern verwaltet. Sie stabilisiert Verhältnisse, die sie eigentlich überwinden müsste, indem sie Symptome lindert und soziale Spannungen abfedert. Sie trägt dazu bei, dass die Widersprüche kapitalistischer Gesellschaften weniger sichtbar und damit politisch weniger angreifbar werden. Das heißt nicht, dass die Arbeit von Sozialarbeiter*innen sinnlos ist. Im Gegenteil, für viele Menschen ist sie in ihrer individuellen Lebenslage existenziell. Aber genau darin liegt der Widerspruch: Die Soziale Arbeit hilft Einzelnen zu überleben und trägt gleichzeitig dazu bei, dass die Verhältnisse, die dieses Überleben so schwierig machen, bestehen bleiben.
Solange Soziale Arbeit nur Brände löscht, wird es weiter brennen.
Eine wirklich kritische und emanzipatorische Soziale Arbeit muss diesen Widerspruch offenlegen. Sie muss aufhören, Probleme zu individualisieren, und sie stattdessen politisieren. Sie müsste sich als Teil antikapitalistischer Kämpfe verstehen und in ihrer Praxis neoliberalen Vorstellungen trotzen. Dies setzt voraus, sich Freiräume innerhalb finanzieller Abhängigkeiten zu suchen und zu verteidigen.

