Überfüllte Bahnen, betrunkene Menschen, Kotze an jeder Ecke und sexistische Sprüche – ist schon wieder Wasen? Nein, aber bei der anstehenden EM erwartet uns leider Ähnliches.
Wie auch zu Wasenzeiten werden viele Frauen und weiblich gelesen Personen in den kommenden Wochen wieder verschiedenste Orte in Stuttgart meiden. Diesmal ist nicht nur Bad Cannstatt betroffen, sondern die gesamte Innenstadt. Die Orte, die als unsicher empfunden werden, werden mehr. Viele Orte werden sich nicht nur bei Nacht unsicher anfühlen, sondern auch bei Tag, denn die Stadt wird voll sein mit alkoholisierten Männergruppen. Das Unsicherheitsgefühl vieler Frauen und weiblich gelesener Personen steigt je mehr fremde Männer in ihrer Nähe sind, besonders wenn die Männer in Gruppen unter-wegs sind und noch mehr, wenn die Männer alkoholisiert sind.
Dabei geht es um mehr als nur um ein Gefühl: Es bedeutet Wachsamkeit, Planung und Einschränkung. Es werden Plätze aktiv gemieden oder umfahren. Geplant, um nicht alleine heim laufen zu müssen oder Pläne abgesagt. Unterwegs ist man wachsam, hat die Umgebung jederzeit im Blick, steht unter Spannung. Und hinter diesem ständigen Gefühl der Unsicherheit, dem daraus resultierenden Stress und der Einschränkungen, steht die furchtbare Realität: Die Angst ist begründet. Catcalling findet statt. Belästigung findet statt. Sexualisierte Übergriffe finden statt.
Nach dem Fußball-WM Finale 2018 in Frankreich meldeten sich etliche Betroffene und berichteten an diesem Abend sexuell belästigt geworden zu sein (#MeTooFoot). Dabei rechtfertigten die Täter ihre Taten mit der WM und dem Sieg. So hörten Frauen, während sie belästigt wurden, Sätze wie „Komm schon, wir sind doch Weltmeister“ oder „Als Weltmeister darf man sowas“.
Diese Geschehnisse haben in aller erster Linie nichts mit Fußball zu tun. Allerdings zeichnen sich in vielen Stadien, Fanszenen und –clubs toxische Männlichkeitsbilder deutlich ab. Und all die problematischen Strukturen und Verhaltensweisen, die wir so schon in Stadien, Fanclubs und Umfeld finden, potenzieren sich bei der EM.
Natürlich sind nicht alle Fanstrukturen und Fußballfans toxisch männlich, aber die Strukturen sind vorhanden und das hat Auswirkungen. Es gibt nach wie vor in Deutschland keinen als schwul oder queer geouteten aktiven Profifußballspieler. Dabei müsste man geschätzt von 125-250 schwulen Profifußballspielern ausgehen. Auf diese Weise die sexuelle Orientierung zu schätzen ist natürlich unsinnig, allerdings ist klar: Es gibt nicht nur heterosexuelle Profifußballer. Passive ge-outete Fußballer, die sich eben erst nach ihrer Karriere outen konnten, sind der beste Beweis.
Die Angst vor Stigmatisierung durch Mannschaftskollegen, Trainer und Fans ist zu groß, denn in der toxisch männlichen Vorstellung darf Homosexualität (unter Männern) nicht sein. Schaut man über das Jahr hinweg während Bundesligaspielen in deutsche Stadien und Fankurven, wird einem mehr als nur einmal ein homophobes Banner oder Sprüche auffallen.
Erinnern wir uns ein paar Monate zurück, gab es im Internet eine riesige Empörung als die Farbe (rosa) der Auswärtstrikots der deutschen Nationalmannschaft bekannt gegeben wurden. Es wurde sich nicht beschwert, weil irgendwer rosa einfach eine hässliche Farbe findet, sondern mit misogynen, homophoben und transfeindlichen Aussagen um sich geworfen.
All diese toxischen Strukturen und die damit verbundene Misygonie und Queerfeindlichkeit sorgen dafür, dass die Stadt während der EM nicht nur ein unsicherer Ort für Frauen und weiblich gelesene Personen, sondern auch für queere Menschen ist.
Zudem sind in Stuttgart zwei Spiele, bei denen die ungarische Nationalmannschaft spielt. Während die meisten Ultra-Gruppierungen keinen Bezug zur EM und WM haben, gibt es in Ungarn den EM/WM-spezifischen Zusammenschluss der „Carpathian Brigade 09“. Sie werden als ”paramilitärische Gruppe, die aus Neonazis besteht” beschrieben. Ihr „Support“ während Spielen bestand in der Vergangenheit aus rassistischen, insbesondere antiziganistischen, antisemitischen, queerfeindlichen und rechten Sprüchen und Gesängen.
Öffentliche Plätze, Züge, Gassen und Stadien werden also unsicherer für Frauen und Queers. Aber leider hört es da nicht auf. Der eh schon gefährlichste Ort für gewaltbetroffene Menschen wird noch gefährlicher: Ihr Zuhause.
Partnerschaftliche Gewalt, wovon vor allem Frauen betroffen sind, steigt an Spieltagen. Das zeigen Polizeistatistiken und Studien. Die Höhe des Anstiegs unterscheidet sich in verschiedenen Studien von 7,5% bis 38%, aber alle zeigen, dass es einen Anstieg und somit einen Zusammenhang von Profifußballspielen und Beziehungsgewalt gibt. Dieser scheint relativ unabhängig vom Ausgang des Spiels zu sein und vielmehr von der Menge des Alkohols beeinflusst zu werden. Fakt ist, auch während dieser EM werden mehr Menschen mehr Gewalt erleben müssen.
Natürlich ist das bloße Stattfinden der EM nicht die Ursache all der genannten Dinge. Sexualisierte Übergriffe, Belästigung und sexistisches Verhalten wird es in einem patriarchalen System immer geben. Um dies endgültig zu verhindern, müssen wir das Patriarchat mit all seinen Strukturen über-winden. Dennoch müssen wir über die Verstärkung der patriarchalen Gewalt und Übergriffigkeit während der EM sprechen, aufeinander achten und solidarisch mit Betroffenen sein.
Die ganze Stadt (k)ein Stadion?!
Die ganze Stadt uns Allen!